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03.11.2016

Immer erreichbar?

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Moderne Kanzlei-IT erleichtert das Leben. Mobile Endgeräte können sogar den Weg ins Büro überflüssig machen. Doch der Komfort ist teuer erkauft: Durch ständige Erreichbarkeit ist Feierabend oft nur noch ein Luxusgut.

Von Norbert Parzinger

Rote Ampeln überfährt man nicht. Schon gar nicht in Stuttgart, wo es vielleicht noch ein bisschen wichtiger ist als anderswo in Deutschland, dass Ordnung herrscht und Vorschriften auch eingehalten werden. Erst recht, wenn man die Vorschriften selbst formuliert hat. ­Deshalb wird Dr. Christian Cascante den Teufel tun und einem der rund 100 Gesellschaftsrechtler und M&A-Anwälte bei Gleiss Lutz mehr Arbeit auf den Tisch geben, wenn die Ampel rot zeigt.

In der Corporate-Praxis von Gleiss Lutz bedeutet die rote Ampel sinngemäß „bin ­gerade völlig unter Wasser, bitte keine zusätzlichen Projekte“. Jeder Anwalt, ob Partner oder Associate, ob am historischen Stammsitz der Kanzlei in Stuttgart oder in Frankfurt, Düsseldorf, München, Hamburg oder Berlin, stellt am Montagmorgen seine Ampel in ­einem Computerprogramm auf rot, gelb oder grün – je nachdem, wie stark seine Auslastung in der kommenden Woche sein wird.

Gerechte Auslastung?

Christian Cascante von Gleiss Lutz verteilt die Arbeit für die Associates nach einem Ampelsystem.

Christian Cascante von Gleiss Lutz verteilt die Arbeit für die Associates nach einem Ampelsystem.

Die daraus erstellte Übersicht nutzen Cascante, der Leiter der Corporate-Praxis, und seine Stellvertreter Dr. Gabriele Roßkopf und Dr. Ralf Morshäuser, um die Mandatsarbeit der nächsten Tage auf die Anwälte der Praxis zu verteilen. „Früher haben die Corporate-Leiter jeden Montag telefoniert, um festzustellen, wo Kapazitäten frei sind und wo nicht“, sagt Cascante. „Aber vor einigen Jahren waren wir an einem Punkt, wo das nicht mehr ausreichte, um den Überblick zu behalten und die Arbeit gerecht verteilen zu können.“

Ähnlich wie Gleiss Lutz bemühen sich inzwischen viele Kanzleien um eine gerechte Aus­lastung. In etlichen Sozietäten kümmern sich ‚Allocation-Partner‘ wie Cascante neben ihrer eigenen Mandatsarbeit auch um diese Aufgabe. Ashurst stellte im Herbst 2015 sogar ­einen eigenen Managementberater ein, der in der britischen Corporate- und Finance-Praxis dafür sorgen soll, dass jedes Mandat von den geeignetsten Asso­ciates bearbeitet wird – und nicht immer nur von den Associates, an die sich der federführende Partner gewöhnt hat. Geeignet heißt dabei auch: nicht schon seit Wochen am Anschlag.

54 Stunden am Schreibtisch

Von einem solchen System können viele Asso­ciates in Deutschland nach wie vor nur träumen. Schon die Arbeitsbelastung insgesamt ist hoch. Im Durchschnitt verbringen Associates in Wirtschaftskanzleien hierzulande gut 54 Stunden pro Woche am Schreibtisch, wie die azur-Asso­ciateumfrage 2015 ergab. Die Unterschiede ­zwischen den einzelnen Fachbereichen sind ­allerdings ausgeprägt. Vergleichsweise komfortabel geht es in den Teams für Medien-, Vertriebs-, Handels- und Vertragsrecht sowie im Gewerb­lichen Rechtsschutz zu: Dort fallen im Schnitt unter 52 Wochenstunden an.

 Am anderen Ende des Spektrums stehen die Banking-, M&A- und Kartellrechtspraxen mit über 56 Stunden. Im Bereich Private Equity und Venture Capital sind es im Schnitt sogar glatte 58 Stunden. Und einzelne Transaktionskanzleien übertreffen auch diese Zahl noch deutlich: Bei Sullivan & Cromwell sowie Willkie Farr & ­Gallagher etwa kamen 2015 im Mittel über 60 ­Wochenstunden zusammen. Zum Vergleich: In Rechtsabteilungen liegt der Schnitt laut azur-Umfrage bei knapp 47 Wochenstunden.

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