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31.10.2016

Der Altmeister

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Kaum jemand kennt sich im IT-Recht besser aus als Jochen Schneider. Sein Wissen ist noch immer up-to-date, seine ­Arbeitsweise ein bisschen old-school. Für ihn kein Widerspruch.

Von Eva Flick

Manche Regeln sind zeitlos. Zum Beispiel diese: In Verhandlungen muss der Anwalt neben seiner Mandantin sitzen. Warum? Die Antwort von Prof. Dr. Jochen Schneider, Namenspartner und Gründer der Kanzlei SSW Schneider Schiffer Weihermüller, ist in seiner Kanzlei zum geflügelten Wort geworden: Weil man seiner Mandantin dann notfalls den Kaffee über den Rock kippen kann.

Jochen Schneider

Jochen Schneider

Diese Regel brachte er seinerzeit seiner jungen Kollegin, Michaela Witzel, bei. „Wir saßen in einer Verhandlung, die eigentlich ganz gut lief“, erinnert er sich. „Plötzlich redete sich die Mandantin um Kopf und Kragen. Wenn die Gegenseite das bemerkt hätte, hätte uns das richtig viel Geld gekostet.“

Notfalls Kaffee verschüttten

Schneider unterbrach die Verhandlung, indem er verkündete, er bräuchte einen Kaffee, sofort. „Ich habe der Kollegin damals erklärt, dass man eine Mandantschaft sofort stoppen können muss. Notfalls, indem man ihr dafür den Kaffee über den Rock schüttet.“ Schneider erzählt diese Geschichte gerne. Und er ist weder ein jugendlicher Rüpel gegenüber Frauen, noch wüsste er sich ansonsten nicht zu benehmen. Jochen Schneider ist 72 und in keiner IT-Kanzlei tummeln sich so viele Frauen wie bei SSW.

Heute lachen seine Kollegen noch immer über diese Geschichte, und Michaela Witzel ist wie Isabell Conrad und Elke Bischof längst in die Riege der Partner aufgenommen. Fünf weibliche Counsel gehören ebenso zur Belegschaft. Sie alle – insgesamt 15 – beschäftigen sich mit den tiefsten Tiefen des IT-Rechts. Softwareverträge, Datenschutz, Outsourcings, IT-Vergabe, Compliance – es gibt kaum ein Spezialgebiet, das SSW nicht abdeckt. Und Jochen Schneider ist der Altmeister unter ihnen. Denn sein Wissen über diese Rechtssparte beginnt nahezu an den Ursprüngen.

Belächelte Einzelkämpfer

1974 erhielt er einen Lehrauftrag für Rechtsinformatik an der Uni in München. Ein Semester ging es um Anwendungen, im folgenden um Datenschutz. Die Szene derjenigen, die sich mit dem Thema auskannten, war damals klein, und Schneider stand mit ihnen allen in regelmäßigem Kontakt. Sie verband, dass sie mit ihrem Spezialgebiet als Einzelkämpfer belächelt wurden. Informationstechnologie und Datenschutz waren brotlose Kunst. „Sprecher aus Großkanzleien für Vorträge zu gewinnen, gestaltete sich schwierig“, berichtet Schneider. Die Frage, die sie damals am häufigsten hörten: „Lohnt sich das denn?“

Das galt auch noch 1984, als Jochen Schneider zusammen mit Ludwig Antoine die Kanzlei gründete. „Wir arbeiteten wie das Wetterhäuschen-Paar. Immer wenn einer draußen war, war der andere drinnen“, erzählt Schneider. Denn wirklich Geld verdienten sie damals nur mit IT-rechtlichen Gutachten, bei denen sie als Spezialisten nach Stunden abrechnen konnten.

Die Frage, ob sich dieses Rechtsgebiet überhaupt lohnt, würde mittlerweile niemand mehr stellen. Und auch sonst hat sich viel geändert. Alles, was heute unter der Bezeichnung Projektgeschäft läuft, gab es damals nicht. An das erste Mandat mit mehreren beteiligten Anwälten, Geschäfts- und Projektleitung erinnert sich Jochen Schneider noch gut. „Wir telefonierten jeden Abend um halb acht miteinander, um uns gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen“, erzählt er. „Wir nannten das unser Abendgebet.“

Damals galten Mandate mit mehreren involvierten Anwälten als etwas Besonderes. Heute bringt er jungen Anwälten bei, wie sie es schaffen, den Rhythmus eines Projektes zu bestimmen. Dazu müsse man in einer guten Position sein, erklärt er dann immer, sonst werde man ausgebootet.

„Den Mandanten glücklich machen“

Bei Vertragsverhandlungen ist Schneider mittlerweile aber nicht mehr dabei. Er sieht sich eher in unterstützender Funktion für seine Kollegen und hilft, wo er kann. Zurzeit in einem SAP-Projekt. Wichtigstes Ziel der Arbeit muss immer sein – und das gilt für ihn damals wie heute –, den Mandanten glücklich zu machen. Und das mit einem Zeitdruck, der über die Jahre immer größer geworden ist. „Die Geschwindigkeit, die heute vom Anwalt verlangt wird, passt eigentlich nicht zur anwaltlichen Arbeit“, meint er. Der Mandant schreibe eine E-Mail mit Anhang und erwarte sofort eine fundierte Antwort. Dabei brauche eine rechtliche Einordnung auch ein bisschen Zeit.

Deswegen ist er noch immer ein Verfechter des Diktats, ein bisschen „old-school“, wie er selbst sagt. Schneider diktiert, lässt sofort tippen und überprüft, ob alles stimmig ist. Die Word-Funktion „Änderungen verfolgen“ ist ihm dagegen ein Greul. Seine Methode sei nicht besser, aber anders und übersichtlicher, sagt er, und weniger anfällig für Fehler, die entstehen, wenn mehrere Personen in einem Dokument schreiben.

Für ihn ist das kein Widerspruch zu der hoch-technischen Materie, in der er sich auskennt wie nur wenige. Wettbewerber sprechen geradezu mit Ehrfurcht über ihn. Sie titulieren ihn als „Institution“, bescheinigen ihm ein „ungeheures Wissen“. Er selbst formuliert das weitaus bescheidener: „Ich weiß technisch noch was.“ Wie lange er noch weitermachen will, weiß er aber noch nicht. Mit seinem jetzigen Arbeitsmodell, drei Tage pro Woche im Münchner Büro und vier am Tegernsee, kann er gut leben. Außerhalb der Stadt schreibt er seine Bücher und kann seinen Kaffee dabei in Ruhe trinken – ohne ihn anderen über den Rock kippen zu müssen. <<