© JUVE GmbH Köln
28.10.2016

Mittendrin statt nur dabei

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Anwälte, die sich auf Datenschutz konzentrierten, hatten früher in Großkanzleien einen schweren Stand. Mit dem Langweilerthema von gestern gewinnen die Kanzleien heute große Mandate.

Von Eva Flick

„Datenschutz?“, der Großkanzlei-Partner rümpft leicht die Nase und schüttelt kurz mit dem Kopf. „Datenschutz machen wir hier alle so mit, Geld verdient man damit aber nicht.“ Damit ist für ihn alles Wesentliche gesagt, und er schiebt noch etwas abschätzig hinterher: „Unser Geschäft sind Transaktionen, am besten möglichst große.“ Das war vor drei Jahren. Sein Name wird hier nicht genannt, denn heute mag er sich an dieses Statement nicht mehr so gern erinnern.

Keine Transaktion ohne Datenschutz-Know-how

Kein Wunder. Denn eine große Transaktion oder auch eine umfangreiche interne Untersuchung ohne fundiertes Datenschutz-Know-how ist mittlerweile kaum noch vorstellbar. Das war früher anders: Datenschutz hatte den Ruf eines kleinteiligen Nischenthemas für Nerds, lästig und wenig Gewinn bringend. Heute hält die Digitalisierung immer mehr Branchen in Atem, und die EU-Datenschutzgrundverordnung droht Unternehmen, die mit ihren Daten bis 2018 nicht ordnungsgemäß umgehen, mit horrenden Strafzahlungen.

IT-Rechtler im Allgemeinen und Datenschutzrechtler im Besonderen profitieren maßgeblich von dieser Entwicklung – egal, ob sie in spezialisierten Boutiquen oder in größeren Einheiten beheimatet sind. Gerade in transaktionsgetriebenen Großkanzleien wie Freshfields Bruckhaus Deringer, Hengeler Mueller und Linklaters – um nur einige zu nennen – fanden sie sich lange Jahre in der Rolle eines Unterstützers der Transaktionsanwälte wieder. Sie waren zwar Teammitglied eines jeden Deals, selten aber die treibende Kraft oder gar der Ursprung des Mandats. Das hat sich geändert, mittlerweile sind sie stärker ins Zentrum des Geschäfts gerückt.

Kapitulation der Großkanzlei?

Dabei sah das noch vor gar nicht allzu langer Zeit anders aus. Freshfields beispielsweise löste 2013 ihre IP/IT-Praxis gleich ganz auf. Die betroffenen Anwälte mussten sich entscheiden, ob sie zukünftig zur Corporate- oder zur Litigation-Abteilung gehören wollten. Berufskollegen aus IT-Boutiquen, die sich schon seit Jahren mit Datenschutzfragen beschäftigten, werteten das seinerzeit gar als Kapitulation der Großkanzlei vor IT-Themen.

Christoph Werkmeister leitet die internationale Datenschutzgruppe bei Freshfields Bruckhaus Deringer.

Christoph Werkmeister leitet die internationale Datenschutzgruppe bei Freshfields Bruckhaus Deringer.

In dieser Zeit kam auch Dr. Christoph Werkmeister zu Freshfields, er stieß nur zwei Monate nach Auflösung der IP/IT-Praxis zur Litigation-Praxis. Werkmeister hatte gerade promoviert, kannte sich gut im Telekommunikationsmarkt aus und wollte – so sein ausdrücklicher Wunsch im Bewerbungsgespräch – über den Tellerrand dieser Branche blicken. Das hat er gemacht. Er fühlt sich heute zwar immer noch als Telekommunikationsrechtler, zumindest ein bisschen, eigentlich verbringt er aber den größten Teil seiner Zeit mit Datenschutzthemen. „Erst vor Kurzem haben wir eine große Ausschreibung gewonnen“, erzählt der 30-Jährige. Es ging dabei um die Digitalisierung einer Datenverwaltung in mehr als 50 Ländern.

Und dann sagt er mit Nachdruck den Satz, den Datenschützer immer sagen, wenn sie von etwas begeistert sind, aber befürchten, dass das Gegenüber ihre Faszination nicht so recht nachvollziehen kann: „Das klingt langweilig, ist aber hochkomplex und echt spannend.“ Wer hat schon eine Ahnung davon, wie es um den Datenschutz in Marokko oder Indonesien bestellt ist. „Oder wussten Sie, dass es in Indonesien ein ­‚Data Localisation Law‘ gibt?“, fragt er. Die Asiaten wollen damit verhindern, dass Daten ihr Land verlassen. Die Russen übrigens auch.

Regelmäßiger Austausch

Um derart internationale Mandate stemmen zu können, müssen die Experten in den internationalen Büros gut vernetzt sein. Bei Freshfields gibt es dazu eine ‚Data Protection Focus Group‘, die Werkmeister koordiniert. In jedem Land, in dem die Kanzlei ein Büro unterhält, ist mindestens ein Anwalt, teilweise auch mehrere, für Datenschutzthemen zuständig. Alle Teilnehmer schließen sich regelmäßig in Telefonaten und Konferenzen zusammen, besprechen die aktuellen Themen, tauschen sich über Entwicklungen aus und agieren in immer mehr Mandaten auch gemeinsam.

> Fortsetzung

Seiten: 123