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28.10.2016

Learning on demand

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Statt sich in den Hörsaal zu quetschen, verfolgt mancher Jurastudent der Uni Köln seine Vorlesungen lieber im Internet. Auch für Kanzleien gehören Onlineseminare mittlerweile zum Standard. Das ist zwar bequem, aber keine Universallösung.

Von Anika Verfürth

1.100 Stunden. Das ist die Summe an Vorlesungsstunden, die im Sommersemester 2016 an der Universität zu Köln aufgezeichnet wurden. Dabei kommen die Juristen auf den größten Anteil. Im Wintersemester 2013/14 startete die Rechtswissenschaftliche Fakultät mit Videoaufzeichnungen von Vorlesungen. Damals lag die Stundenzahl noch bei unter 200.

An der Uni Köln testen Martina Kratz und Martin Waßmer digitale Möglichkeiten der Lehre.

An der Uni Köln testen Martina Kratz und Martin Waßmer digitale Möglichkeiten der Lehre.

Die Angst vor leeren Hörsälen sorgte für große Skepsis bei vielen Kölner Dozenten. „Insbesondere zu Beginn solcher Projekte bestehen Berührungsängste mit der neuen Technik und ihren Auswirkungen“, beschreibt Professor Dr. Martin Waßmer die Startschwierigkeiten. „Doch die Hemmschwelle, sich während der Vorlesung filmen zu lassen, ist mittlerweile deutlich gesunken“, stellt der Inhaber des Lehrstuhls für Straf- und Strafprozessrecht in Köln fest.

Vorlesungen im Videoformat

Denn nicht nur die Studenten ziehen ihren Vorteil aus dem Angebot. Auch Dozenten können etwa ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter zur Vor- und Nachbereitung des Lehrstoffs auf die ­Vorlesung im Videoformat verweisen. Und entgegen aller Befürchtungen werden auch die Hörsäle weiterhin besucht, trotz der mittlerweile fünffachen Menge an Video-Vorlesungsstunden im Onlineportal.

Für Christian Bougnard bedeutet das vor allem eines: Einmal nicht zur Uni zu gehen, ist nicht gleich eine verpasste Vorlesung. Der 19-Jährige studiert Jura im dritten Semester in Köln. Für seine Pendelstrecke muss er pro Weg etwa eine Stunde Zeit einplanen. Da wird eine Vorlesung Montagsmorgens um acht Uhr zum echten Gräuel. Aber nicht nur, weil frühes Aufstehen bekanntlich nicht zum Lebensstil vieler Studenten passt, sondern auch, weil es zeitlich manchmal einfach nicht klappt.

Noch findet zwar keine direkte Live-Übertragung statt, allerdings ist der Prozess mittlerweile vollautomatisiert, und etwa zwei bis drei Stunden nach der Veranstaltung haben die Studenten über die E-Learning Plattform ILIAS Zugriff auf das Video. „Unsere Hörsäle sind zum Teil bereits mit der Technik zur Aufzeichnung ausgestattet, ein Live-Stream ins Netz ist in Zukunft bestimmt nicht ausgeschlossen“, sagt Waßmer. Grundsätzlich sei die Uni für neue Entwicklungen offen, der Austausch mit den Studenten sei zentral und manchmal müsse man auch einfach etwas Neues ausprobieren.

Hybrid-AG

Wie das Gros der Universitäten in Deutschland experimentiert man in Köln fleißig in Sachen digitale Lehre. Und es gibt mehr Ideen als nur die Vorlesungsaufzeichnung: Da ist zum Beispiel die Hybrid-Arbeitsgemeinschaft von Martina Kratz. Hybrid? Das heißt Online- und Präsenzveranstaltung in einem. Die 28-jährige wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Waßmer hält seit 2013 Tutorien für Studenten.

Reine Online-AGs veranstaltet die Fakultät bereits in Form eines Webinars. Dort nehmen alle mittels Videokonferenz von Zuhause aus teil. Bei der Arbeit fiel ihr allerdings auf, dass die bereits angebotenen Online-AGs nicht so erfolgreich liefen. Häufig fehle die typische Diskussions- und Arbeitsatmosphäre. Im Gegensatz zu den Vorlesungen, die in erster Linie den Lernstoff vermitteln und somit auch passiv online geschaut werden können, dienen die AGs gerade zur Vertiefung der Inhalte durch Anwendung der Methodik.

Doch die Bedeutung von digitalen Kommunikationsinstrumenten und die Übung, sich interaktiv auch in Form von Videokonferenzen auszutauschen, sieht Kratz als zukunftsweisend. Also kam sie gemeinsam mit Waßmer auf die Idee einer Hybrid-AG: Studenten finden sich ganz normal im Seminarraum ein, können sich wahlweise aber auch von Zuhause über die Software ‚Adobe Connect‘ zuschalten. Der reguläre Kurs wird dann im Live-Stream übertragen, auf einem zweiten Bildschirm sieht der Onlinestudent die Power-Point-Präsentation. Der AG-Leiter koordiniert Sprachmeldungen beider Seiten über Lautsprecher.

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