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28.10.2016

“Ineffizienz bezahlt keiner mehr”

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

In Wien gehört Christof Strasser zu den wichtigen Beratern von Firmengründern. Die eigene Kanzlei­ versteht der 35-Jährige ebenfalls als Start-up. Sein ­Verständnis von IT ist ein Beispiel für die juristische Arbeitswelt von morgen. Interview: Raphael Arnold.

azur: Herr Strasser, woher kommt der Antrieb, papierlos zu arbeiten?

Dr. Christof Strasser: Da kamen zwei Dinge zusammen. Ich war es leid, in meinem Büro alle zwei bis drei Wochen die Aktenberge aus Papier auszumisten. Und ein bisschen philosophisch betrachtet: Das fiel zusammen mit einem beginnenden Interesse am Minimalismus.

Wann fingen Sie an, die Papierflut einzudämmen?

Christof Strasser ist Gründer der Wiener Kanzlei 42Law.

Christof Strasser ist Gründer der Wiener Kanzlei 42Law.

Während meiner Zeit in New York ab 2006 war es bei den dortigen Kanzleien üblich, Verträge auszudrucken und mit Bleistift Randnotizen zu machen. Diese Anmerkungen arbeitete die Sekretärin dann in den neuen Entwurf ein. Ich ging damals dazu über, Markups mit dem Grafiktablet am Bildschirm zu erstellen. Als mir klar wurde, dass ich Unterlagen nicht in Papierform archivieren muss, schränkte ich das Ausdrucken weiter ein. Die Hürde heißt heute: Was gelangt überhaupt als ausgedrucktes Dokument in meine Hände?

In Ihrer eigenen Kanzlei haben Sie dann nie einen Drucker angeschafft.

Nun, für Notfälle haben wir einen Drucker, der wird vielleicht zwei, drei Mal im Jahr benutzt. Das geht aber nur, wenn man am Computer perfekt organisiert ist. Und es geht übrigens ganz ohne die bekannten, teuren File-Management-Systeme. Wir haben unser eigenes System in Microsoft Office eingearbeitet und stehen bei jährlichen IT-Kosten von etwa 1.400 Euro.

Welche Nachteile hat das rein digitale Arbeiten?

Ich sehe überhaupt keine Nachteile. Gerade wenn ich unterwegs bin, schätze ich das aktenlose Gepäck. Außerdem bin ich innerhalb kürzester Zeit fast überall einsatzbereit. Die einzigen Papierdokumente in meiner Reisetasche sind vermutlich Strafzettel und Restaurantquittungen.

Auch nicht in puncto Sicherheit?

Nein, aus meiner Sicht ist das völliger Humbug. E-Mails sind die große Sicherheitslücke, nicht die verschlüsselte Ablage von Akten auf Servern von professionellen Speicheranbietern. Schließlich sind die meisten E-Mails unverschlüsselt, das entspricht dem Postversand im offenen Umschlag.

Im Marketing verabschieden Sie sich ganz vom geschriebenen Wort. Wie kam es zu diesem Schritt?

Beim Start unserer Kanzlei habe ich als Marketinginstrument einen News-letter gemacht – aber nur halbherzig. Denn wenn man sich ehrlich umschaut, stellt man doch fest: Das liest niemand mehr. Stattdessen schauen die Menschen im Internet Videos.

Für das Kanzlei-Marketing braucht es aber doch eine professionelle Qualität. Wie -gingen Sie das an?

Klar war, dass ich keine 3.000 Euro pro Video ausgebe für ein Filmteam, das eine professionelle Aufnahme macht. Früher habe ich mich allerdings mit Fotografie beschäftigt. Also habe ich 1.500 Euro in die Ausstattung investiert, die heute in der Kanzlei steht, und mich ein ganzes Wochenende lang mit der Video-Anwendung Adobe Premiere beschäftigt. Dabei kam ein Video von vier Minuten heraus.

Was waren dabei die größten Herausforderungen?

Einerseits die Ausleuchtung, andererseits die Koordination von Film und Ton. Das ist unheimlich aufwendig, wenn man ständig zu sehen ist. Also bin ich dazu übergegangen, im Hauptteil unserer Videos von rund zwei Minuten eine bewegte Grafik mit einem Audiobeitrag zu kombinieren. Nur im Vor- und Abspann ist eine Person zu sehen.

Setzen Sie Videos auch in der individuellen Mandantenkommunikation ein?

Nein, bislang nicht. Allerdings ist das gar nicht so abwegig, etwa digitale Closing-Sets. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man nach einer Transaktion eine Übersicht über die Verträge als Video abfasst.

Auf was müssen sich junge Juristen beim Berufseinstieg im Umgang mit IT einstellen?

Sie müssen IT ganz anders nutzen als privat. Dabei denke ich gar nicht an Datensicherheit und Datenschutz. Das ist ein reines Thema fürs Feuilleton. Den Usern – auch in den Kanzleien – ist das weitgehend egal. Sonst würden sie sich mit der Sicherheitslücke E-Mail beschäftigen.

Was bedeutet digitales Arbeiten für angehende Juristen?

Sie sollten das Studium wechseln. Nein, im Ernst: Jeder wird ein wenig programmieren müssen, mit Shortcuts arbeiten und zumindest bereit sein, sich auf IT einzulassen. Das große Thema ist doch der digitale Analphabetismus – in allen Altersgruppen.

Auf welche Eigenschaften achten Sie, wenn Sie neue juristische Mitarbeiter -einstellen?

Wichtig ist, dass sie IT-Anwendungen gegenüber aufgeschlossen sind. Einmal brachte jemand einen privaten Drucker zur Arbeit mit in die Kanzlei – das funktionierte nicht lange. Gute Erfahrungen habe ich mit jungen Leuten gemacht, die aus der Schulausbildung einen technischen Hintergrund mitbringen, etwa in den Bereichen Computer, Informatik oder Maschinenbau.

Warum ist der Einsatz von IT so wichtig?

Es wird schlicht nicht mehr bezahlt werden, ineffizient zu arbeiten. Wenn Juristen Karriere machen wollen, wird also die Produktivität entscheidend sein. Da unterscheidet Anwälte nichts von anderen Unternehmern, die einem Kostendruck ausgesetzt sind. Und den haben wir ja bereits heute. <<