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25.10.2016

Gerichte mit Nachwuchssorgen: Wenig Personal im Paradies

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Gute Bezahlung, verträgliche Arbeitszeiten, lebens­lange Sicherheit – der Richterberuf war lange ein Traumjob. Doch die Rahmenbedingungen und Ansprüche ­junger Juristen ändern sich. Gerichte finden nicht mehr so selbstverständlich Nachwuchs wie früher. Jetzt rollt auf den Osten auch noch eine Pensionierungswelle zu.

Von Mathieu Klos

Stralsund, Rügen, die Ostsee. Mecklenburg-Vorpommern gehört unbestritten zu den schönen Flecken Erde in Deutschland. Hierher kommt man gerne für ein paar Tage Urlaub. Aber zum Arbeiten, als Richter in die Provinz? Eher nicht, das kleine Bundesland im Nordosten plagt die Personalnot im höheren Justizdienst. Jedenfalls hat das Land im Sommer eine Rekrutierungsinitiative gestartet, um mehr Referendare im Land zu halten und damit auch potenzielle Richter.

Stellen schwer zu besetzen

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland. 23.000 Quadratkilometer groß und nur 1,6 Millionen Einwohner. Hamburg und Berlin sind weit weg. Die größte Stadt des Landes ist ­Rostock mit gut 200.000 Einwohnern. Das Bundesland bekommt besonders zu spüren, was alle länd­lichen OLG-Bezirke zurzeit beklagen: Der Nachwuchs strömt nicht mehr so zahlreich wie früher.

Jens Gnisa, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes.

Jens Gnisa, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes.

Vor allem Stellen an entlegenen Amtsgerichten seien inzwischen nur noch schwer zu besetzen, ist aus vielen OLG-Bezirken zu hören. Die OLGs sind für die Personalfragen aller ordent­lichen Gerichte in ihrer Region verantwortlich. Außerdem stehe die Justiz in einem ungleichen Wettbewerb. „Der Richterberuf verliert an Attraktivität“, sagt Jens Gnisa, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes. Die Lebensbedingungen der jungen Generationen hätten sich verändert, so der oberste Interessensvertreter der deutschen Richterschaft. „Wir haben es vielfach mit Familien mit Doppelverdienern und einem Elternteil in Teilzeit zu tun. An einem Gericht außerhalb der Ballungsräume zu arbeiten und womöglich zu pendeln, wird immer unattraktiver.“

Die gute alte Zeit

Insgesamt gingen die Bewerberzahlen für den Richterberuf zurück, weiß Gnisa. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise hätten alle drei OLG-Bezirke zuletzt mit sinkenden Bewerberzahlen zu kämpfen, rechnet der 51-Jährige vor. In Düsseldorf und Köln fiel der Rückgang dabei schwächer als in Hamm aus. „Zwar geht die Anzahl der Referendare insgesamt zurück, aber die Gerichte haben es heute auch mit einem sehr viel stärkeren Wettbewerb vor allem durch die Wirtschaftskanzleien zu tun.“

Spricht man mit erfahrenen Richtern wie Gnisa, schwärmen sie fast einmütig von den paradiesischen Zuständen für die Justiz, als sie in den 1990er-Jahren in den Beruf starteten und noch Waffengleichheit zwischen Justiz und Anwaltschaft herrschte. Die guten Anwaltskanzleien orientierten ihre Associate-Gehälter damals an den Richtersalären – meist etwas darunter. Die Justiz trumpfte zudem mit besseren Arbeitsbedingungen auf, mit der Absicherung durch den Beamtenstatus und einer attraktiven Pension.

Kanzleien haben aufgeholt

Gute Arbeitszeiten und Sicherheit bietet der Richterberuf nach wie vor. Die Wirtschaftskanzleien jedoch haben aufgeholt. Sie locken mit ex­trem aufwendigen Ausbildungsprogrammen, einem internationalen Arbeitsumfeld, vor allem aber zahlen sie konkurrenzlos besser. „Das Richtergehalt ist inzwischen ein Minus-Kriterium für Bewerber, die sich auch für eine Tätigkeit in einer Wirtschaftskanzlei interessieren“, so Gnisa.

Die Besoldung der Richter könne nicht einmal mehr mit der von mittelständischen Wirtschaftskanzleien mithalten. Zwischen dem Monatsgehalt von 4.070 Euro eines jungen, ledigen Proberichters in Bayern und den 10.800 Euro, die ein Berufseinsteigers bei einer US-Transaktionskanzlei wie Willkie Farr & Gallagher verdient, liegen Welten (Steinreich aus azur 2/16).

„Unsere Bewerberlage ist auskömmlich, aber wenn es um die besten Absolventen geht, spüren wir die Konkurrenz durch die Großkanzleien und andere OLG-Bezirke deutlich“, berichtet auch Christiane Kroll (50), Vorsitzende Richterin am Oberlandesgericht Hamm und für Personalfragen zuständig. Dass die Justiz bei den topqualifizierten Juristen das Nachsehen gegenüber Wirtschaftskanzleien hat, belegt auch die aktuelle azur-Umfrage unter wirtschaftlich orientierten Juristen, die in der Regel mindestens ein vollbefriedigendes Staatsexamen mitbringen. Fast 70 Prozent der Befragten können sich eine Wirtschaftskanzlei als Wunscharbeitgeber vorstellen. Nur knapp 12 Prozent würden am liebsten bei Gericht anfangen.

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