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25.10.2016

Rotes Tuch für Machos

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Sie ist eine der bekanntesten Frauen in der Männerdomäne Schiedsgerichtsbarkeit: Dr. Sabine Konrad verhandelt für die Bundesregierung brisante Fälle vor dem Schiedsgericht der Weltbank – und wurde zur Zielscheibe für TTIP-Gegner.

von Ulrike Barth

Im Fernsehen achtet doch kein Mensch auf die Schuhe – auch wenn die mal so gar nicht zum Restoutfit passen wollen. Im Fernsehen sieht man die Interviewten doch nur bis zum Bauchnabel, oder? Falsch gedacht. Die hellblauen Ballerinas sind für einige Sekunden deutlich zu sehen, als Dr. Sabine Konrad im Mai für das ZDF heute-journal spontan eine Einschätzung zum Fall Yukos abgeben soll. Ein passendes Jacket war noch zur Hand, als das Fernsehteam hopplahopp vor der Tür stand. Die farblich unpassenden Schuhe fand die Expertin für Schiedsgerichtsbarkeit, seit 2012 Partnerin bei der US-amerikanischen Kanzlei McDermott Will & Emery, nicht so wichtig.

Sabine Konrad, McDermott Will & Emery

Sabine Konrad, McDermott Will & Emery

Konrad ist eine gefragte Gesprächspartnerin, weil sie sich mit Investitionsschutzverfahren wie dem bei dem zerschlagenen russischen Ölkonzern gut auskennt. In vielen Zeitungs- und TV-Beiträgen ist die Juristin in letzter Zeit die Stimme der Schiedsgerichtsbarkeit, erklärt massenkompatibel, wie Verfahren etwa beim Inter­national Center for Settlement of Investment Disputes (ICSID) laufen.

Denn seit im Rahmen der TTIP-Diskussion auch über Investitionsschutz und Schiedsgerichte heftig gestritten wird, ist das Thema in der Öffentlichkeit angekommen. Konrad ist eine von vier Schiedsrechtlern, die die Bundesregierung für die Vertretung vor dem ICSID, dem Schiedsgericht der Weltbank in Washington, benannt hat. Seit 2007 gehört sie zu dem Panel, damals war sie gerade einmal 33 Jahre alt. Nie zuvor hatte es dort eine jüngere Schiedsrichterin gegeben.

Zielscheibe der TTIP-Gegner

Natürlich ist Konrad eine entschiedene Befürworterin dieser Form der Streitbeilegung. Und daraus macht sie keinen Hehl. In einem Interview mit dem Handelsblatt hatte sich die Schiedsrechtlerin zu der Kritik an dem bei TTIP geplanten Schiedsgericht geäußert. Auf die Frage, warum die Furcht so groß sei, dass US-Konzerne über TTIP zu viel Einfluss gewinnen auf Europas Politik, antwortete sie: „Ich denke, dass dort ein gerüttelt Maß an Ausländerfeindlichkeit im Spiel ist. Und mich hat es nicht überrascht, bei den Pegida-Demonstrationen auch Anti-TTIP-Plakate zu sehen.“ Zwei Sätze, die öffentliche Anfeindungen auslösten.

„Ich habe jahrelang spannende, oft sehr politische Fälle in internationalen Schiedsgerichten vertreten und entschieden – auch schon einmal mit Zeitgenossen, die man durchaus für gefährlich halten könnte“, sagt Konrad. „Aber nachdem ich mich in der TTIP-Diskussion sehr klar positioniert hatte, habe ich das erste Mal in meinem Leben Drohbriefe bekommen.“ Wie absurd sie die Kritik von Protestgruppen gegen die Schiedsgerichtsbarkeit bei TTIP findet, will sie auch weiterhin offen sagen.

Gezielt in internationalen Sozietäten

Ihre Karriere spielte sich gezielt in internationalen Kanzleien ab. Sie begann als Associate in der Frankfurter Schiedspraxis von Dewey & LeBoeuf und wechselte 2007 in das Pariser Büro der Kanzlei. Nach ihrem Wechsel zu K&L Gates 2009 führte sie ihre Praxis von Paris aus weiter, später teilte sie ihre Zeit zwischen Frankfurt und Washington auf. Im Gepäck hat sie damals schon ein Mandat, für das sie bis heute im Markt steht: die Arbeit für die deutsche Bundesrepublik vor dem ICSID.

Aus ihrer Zeit in Paris stammen viele ihrer internationalen Kontakte. Ihre Arbeit führt sie regelmäßig einmal um den Erdball. Über ihre Fälle schweigt sie sich aus. Insbesondere über ihr – aus deutscher Sicht – prominentestes Mandat kann sie nicht sprechen. Und damit ist sie nicht allein. Auch die Gegenseite sagt kein Wort. Denn das Schiedsverfahren, das Vattenfall wegen des deutschen Atomausstiegs angestrengt hat, ist hochpolitisch, hochkomplex – und eben hochgeheim.

Äußerlich mag die blonde Frau mit der zierlichen Figur zerbrechlich wirken. Doch die graublauen Augen verraten, dass dahinter jemand steckt, die sich wenig bieten lässt. Nichts am Auftreten der 44-Jährigen ist unkalkuliert. Dunkler Anzug – kein enger Rock. Flache Schuhe – trotz, oder gerade wegen? – der 160 Zentimeter. Konrad entspricht nicht gerne dem Klischee der Einser-Juristin in der Großkanzlei. In der Männerdomäne kommt sie gut zurecht, was sicher damit zu tun hat, dass sie nicht nur bei TTIP kein Blatt vor den Mund nimmt.

Besser ohne High Heels

Macho-Mechanismen sind ein rotes Tuch für sie. „Ich selbst habe es nie mit einer gläsernen Decke zu tun gehabt, aber ich habe es bei anderen mit angesehen“, sagt sie. Auch deshalb rät sie jungen Kolleginnen vom typischen Juristinnen-Outfit mit engen Röcken und High Heels ab. „Wenn sie auf solchen Dingern unterwegs sind, laufen die meisten automatisch immer zwei Schritte hinter dem Partner und dem Mandanten“, sagt Konrad. Etwas, das ihr sicher nie passiert ist. Platz vier im zweiten Staatsexamen in Bayern spricht für sich und hat wohl von Anfang an für das nötige Selbstbewusstsein gesorgt. Von einer typischen Juristen-Barbie könnte die Beamtentochter kaum weiter entfernt sein. <<