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25.10.2016

JUVE Insider: Grenzen überschreiten

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

In Brüssel arbeiten Juristen hautnah an Entwicklungen im Europarecht. Die tägliche Arbeit in internationalen Teams macht es zusätzlich spannend.

Von Antje Neumann

Das Europarecht ist in der Praxis sehr vielfältig. Allein die letzten zwölf Monate haben ungewöhnlich viel Stoff für spannende Fragen geliefert. Denn wie genau funktioniert das, wenn die EU-Wettbewerbskommissarin, die Dänin Margrethe Vestager, sich Konzerne wie Apple und ihre Steuerstrukturen vorknöpft? Und was wirft sie TV-Sendern und Filmstudios genau vor, wenn sie das sogenannte Geoblocking anprangert? Was heißt es, wenn sich HeidelbergCement oder die Deutsche Bahn gerichtlich gegen die gefürchteten Kartellermittlungen der EU-Kommission wehren? Und wie genau soll das mit dem Brexit eigentlich laufen?

Wenn die Medien über Aktivitäten der Europäischen Kommission und Urteile des Europäischen Gerichtshofs schreiben, landen die Meldungen nicht selten eher auf den Seiten über Wirtschaft oder Politik als im Rechtsteil. Denn im Europarecht liegen rechtliche und politische Themen oft eng zusammen. Einen Blick hinter die Kulissen der maßgeblichen europarechtlichen Akteure zu werfen und die Arbeit an den vielen täglichen Entscheidungen zu erleben, die das Europarecht in der Praxis ausprägen, machen ­eine Ausbildungsstation in Brüssel so interessant (Der EU ganz nah, aus azur 2/16).

Arbeitssprache Englisch

Das Kartellrecht und das Beihilferecht spielen als Rechtsgebiete bei den Brüsseler Kanzleien eine wichtige Rolle, denn beide sind besonders stark europarechtlich geprägt und stehen für Unternehmen wirtschaftlich im Fokus. Weil die rechtliche Materie für alle gleich und die Arbeitssprache sowieso Englisch ist, kann es ohne Weiteres vorkommen, dass an internationalen Fällen zum Beispiel Juristen aus Deutschland, Spanien, England oder Polen ganz selbstverständlich zusammenarbeiten.

Für Brüsseler Anwälte, die dauerhaft vor Ort sind, bedeutet das oft ein gutes Stück Lebensqualität. Referendare, die sich für eine Station in Brüssel entscheiden, können hier Erfahrungen sammeln, die bei einem späteren Job nützlich sind. Auch wenn rein examensrelevanter Lernstoff naturgemäß weniger im Vordergrund steht.

Zu den weniger beliebten Arbeiten zählt allerdings nach den Berichten von Brüsseler Anwälten das Ausfüllen der umfangreichen Formulare, die bei der fusionskontrollrechtlichen Anmeldung von Unternehmenskäufen anstehen. Hier gilt das Gleiche wie sonst auch: Nachwuchsjuristen sollten durchaus darauf achten, die richtige Mandatsmischung aus Pflicht und Kür hinzubekommen, Teamarbeit einzuüben und Mandantenkontakte aufzubauen.

Gut vernetzen

Eine gute Vernetzung bildet schließlich neben dem fachlichen Können eine zentrale Basis für die weitere Karriereentwicklung. Das ist ein Grund dafür, dass Kanzleien besonders an Bewerbern interessiert sind, die sich eine dauerhafte Tätigkeit in Brüssel vorstellen können und nicht nur ein oder zwei Jahre Auslandserfahrung sammeln möchten. Stellen müssen sie aber auch deshalb regelmäßig nachbesetzen, weil Verbände, Rechtsabteilungen und europäische Institutionen alternative Arbeitgeber sind.

Ach ja, das berühmte Atomium gibt es natürlich in Brüssel auch. Für gutes Essen und die weltbesten Pralinen ist die Stadt sowieso bekannt. Für noch Unentschlossene ist ein verlängertes Schnupperwochenende in Brüssel allemal eine Reise wert. <<

In der Rubrik JUVE Insider erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Antje Neumann ist Chefredakteurin des JUVE-Verlags.