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25.10.2016

Der Streiterlediger

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Ein Beitrag aus azur 2/2016

Christian Borris ist für seinen scharfen Verstand bekannt. Nach über zehn Jahren bei Freshfields gründete er mit jüngeren Kollegen eine Schiedsrechtskanzlei in Köln. Ihre tägliche Arbeit ist international und beginnt oft dort, wo lang geschlossene Transaktionen zu scheitern drohen.

von Sonja Behrens

„Menschen, die sich für die internationale Schiedsgerichtsbarkeit interessieren, sind in der Regel Kosmopoliten.“ Wegen der Weltoffenheit seiner Fachgenossen liebt Dr. Christian Borris seinen Job. Auch schätzt er es, dass man in diesem Segment häufig rechtsvergleichend tätig ist. Wie spannend das sein kann, erfuhr er schon in der Ausbildung.

Die Gründer von Borris Hennecke Kneisel mit Christian Borris in der Mitte

Die Gründer von Borris Hennecke Kneisel mit Christian Borris in der Mitte

Er promovierte in Köln beim Doyen der deutschen Schiedsgerichtsbarkeit, Prof. Dr. Karl-Heinz Böckstiegel, mit einer Arbeit über die „Internationale Handelsschiedsgerichtsbarkeit in den USA“. Direkt anschließend assistierte er Böckstiegel, als dieser Präsident des Iranisch-amerikanischen Schiedsgerichts IUSCT wurde, das bis heute Streitfälle zwischen den USA und dem nachrevolutionären Iran verhandelt. Dafür wohnte Borris zwei Jahre im niederländischen Den Haag. 1989 kehrte er an den Rhein zurück.

Die eigene ‘Arbitration Boutique’

Heute schaut der 60-Jährige, der lange Partner von Freshfields Bruckhaus Deringer war, von seinem Büro auf den Kölner Yachthafen. Er zählt inzwischen selbst zu den versiertesten Schiedsrechtlern Deutschlands und hat seine eigene ‚Arbitration Boutique‘, wie es im internationalen Fachjargon heißt. Vor gut zwei Jahren gründete er Borris Hennecke Kneisel, gemeinsam mit den jüngeren Kollegen Rudolf Hennecke und Sebastian Kneisel. Die Sozietät ist auf Streitbeilegung in allen möglichen Facetten spezialisiert und hat Erfolg. Kürzlich haben die drei Partner im gleichen Gebäude am Rhein ein größeres Büro bezogen, um noch weitere Mitarbeiter einstellen zu können.

Die neuen Räumlichkeiten sind dezent eingerichtet. Ähnlich zurückhaltend tritt auch der Seniorchef auf. Zunächst ahnt man noch nicht, dass dieser schlanke Mann mit dem wachen Blick gerne brasilianischem Jazz lauscht. Doch Wagemut blitzt auf, wenn er von der Arbeit spricht.

Streitigkeiten nach M&A-Deals

Viele der Fälle, in denen er berät, sind Post-M&A-Streitigkeiten und somit Konflikte, die nach einer Übernahme, Fusion oder Joint-Venture-Gründung entstehen. Da geht es um die Verletzung vorvertraglicher Aufklärungspflichten, ­um geplatzte Garantien oder das Vorenthalten von Informationen. Viele dieser Schiedsverfahren werden nach den Regeln der Internationalen Handelskammer (ICC) in Paris oder der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) geführt. Christian Borris nutzt seine internationale Erfahrung, um derzeit gemeinsam mit anderen die Schiedsregeln der DIS, die in Köln ihren Hauptsitz hat, zu überarbeiten.

An der Schiedsgerichtsbarkeit schätzt Borris insbesondere die Flexibilität, die sie bei der Ausgestaltung der Verfahren bietet. Er war in mehr als 70 Schiedsverfahren als Parteivertreter, das heißt als juristischer Berater von Streitparteien, tätig, und in über 45 Verfahren als Schiedsrichter im Einsatz, auf nationalem wie auf internationalem Parkett. Die Anfragen häufen sich in der Regel mit zunehmender Erfahrung. „Man kriegt nicht gleich, wenn man 30 ist, die 100-Millionen-Mandate auf den Tisch“ – so vertröstet er auch den Nachwuchs in seinen Lehrveranstaltungen an der Universität zu Köln.

Staunende Fragen

Borris profitiert davon, dass er zunächst einige Jahre im klassischen Transaktionsgeschäft tätig war. Er kennt den Zeit- und Verhandlungsdruck, unter dem so mancher Deal geschlossen wird, mit all den Kompromissen, die im Nachgang staunende Fragen oder bissige Auseinandersetzungen provozieren können. Die Corporate- und M&A-Tätigkeit kann er als Vorbereitung für die Schiedsrechtlerarbeit empfehlen. Aber auch Branchenkenntnisse beispielsweise im Energiesektor oder im IT-und Patentbereich können für die Beratung nützlich sein.

Als Borris nach Köln zurückkehrte, hatte er sich der Kanzlei Deringer Tessin Herrmann & Sedemund angeschlossen, die im Jahr 2000 zunächst mit Freshfields und dann mit der deutsch-österreichischen Kanzlei Bruckhaus Westrick Heller Löber fusionierte. Während seiner 14-jährigen Tätigkeit in der neu formierten Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer wandelte sich somit die rheinischen Traditionskanzlei Deringer in eine angelsächsisch geprägte Großkanzlei, die allein in Deutschland sechs Standorte zählte.

Schmucke Türen öffnen sich

„Dadurch wuchs zwar die Erwartung an die einzelnen Anwälte, sich noch stärker zu spezialisieren, aber es eröffneten sich für mich auch neue Möglichkeiten“, so Borris im Rückblick. International hatte Freshfields bereits eine angesehene Arbitration-Praxis, die außergerichtliche Streitbeilegung für kommerzielle Konflikte praktizierte.

Dass Schiedsrechtler in Großkanzleien auf die Mandatsbeziehungen und Ambitionen anderer lukrativer Kanzleipraxen Rücksicht nehmen müssen und dass mögliche Interessenskonflikte hier so manchen Auftrag für die Streitbeileger schon im Vorfeld ausschließen, bewog ihn schließlich, den Schritt in eine eigene kleine Einheit zu gehen. Und während Freshfields das Kölner Büro schließt und versucht, ihre Rheinländer in Düsseldorf zu versammeln, bleiben die drei Gründer der Domstadt auch in Zukunft treu.

Ihre Erfahrung in gesellschaftsrechtlichen Streitigkeiten öffnet ihnen sicher so manche schmucke Tür. Sie beraten und vertreten Unternehmen, ihre Organe und in ausgewählten Fällen auch Privatpersonen in komplexen wirtschaftsrechtlichen Auseinandersetzungen. Was sie sich noch wünschen ist ein Boot, am besten ein kleines Segelboot im Yachthafen. Zu Borris würde diese leise, sportliche Fortbewegungsweise sehr gut passen. <<