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20.05.2016

JUVE Insider: Fast wie im richtigen Leben

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Beim Soldan Moot Court üben Studenten den Ernstfall vor ­Gericht. Ein Blick auf die Verhandlung von der Jurorenbank.

VON EVA FLICK

Wenn damals in der obersten Etage des Continental-Hochhauses in Hannover die Herren des Vorstandes tagten, waren die Rollen klar verteilt. Mann saß bequem in Ledersesseln vor blank gewienerten Sitzungstischen, die mittelbraune Holzvertäfelung dämpfte die Atmosphäre, die Sekretärin servierte frisch aufgebrühten Kaffee in Tassen mit Goldrand. Heute stehen die heiligen Hallen dieser 1950er-Jahre-Welt unter Denkmalschutz. Continental mit seinem Männer-Vorstand ist längst aus- und die Studenten der Universität Hannover eingezogen. Wo sich früher der Vorstand bei Kaffee und Zigaretten traf, tauschen heute, an einem nebeligen Samstag im Oktober, Studenten in Anwaltsrobe Argumente aus. Angetreten sind sie zum Soldan Moot Court.

Der Wettbewerb findet bereits zum dritten Mal statt und hat sich das ­nationale Recht auf die Fahnen geschrieben. Heute entscheidet nicht mehr das Geschlecht die Rollenverteilung; das Los legt fest, wer die Rolle des Klägers und wer die Rolle des Beklagten übernimmt. Der Sitzungssaal im Conti-Hochhaus ist dem Anlass entsprechend bestuhlt. Am langen Tisch an der Stirnseite sitzt der Richter, rechts ein Zweier-Team von der Bucerius Law School in Hamburg, links ein Zweier-Team von der Uni Heidelberg. Die Jury bekommt den Logenplatz gegenüber dem Richter. Im Halb­finale besteht sie aus einem Anwalt, einem Hochschulprofessor und mir. Wir sollen entscheiden, welches Team bei der Verhandlung überzeugender auftritt und wen wir damit ins große Finale schicken. Hinter uns verfolgen bereits ausgeschiedene Teilnehmer die Verhandlung.

 Ein verzwickter Fall

Gute drei Monate hatten die Studenten Zeit, sich mit der Fallakte auseinanderzusetzen. Und das haben sie offenbar getan: Der Schönfelder vor ihnen ist gespickt mit bunten Lesezeichen, die Unterlagen rechts und links sortiert. Der verzwickte Fall besteht aus zwei miteinander verwobenen Fragestellungen: Im ersten Teil muss geklärt werden, ob Rechtsanwalt Janus einen Honorar­anspruch gegenüber seinem Mandanten, Handelsvertreter Timo Blank, geltend machen kann. Immerhin hat er mit der Vertretung der Werkstatt mit dem eingängigen Namen ‚Günstig & Schnell‘ gleichzeitig die Gegenseite vertreten. Die zweite Frage dreht sich um eine datenschutzrechtliche Problematik, die im Widerspruch zur anwaltlichen Verschwiegenheitspflicht steht.

Für den Wettbewerb hatten sich 19 Zweier-Teams von zwölf Universitäten angemeldet. Mit gleich mehreren Teams waren die Universitäten Berlin, Halle, Hamburg und Hannover am Start. Dass die Messlatte hoch liegt, steht schon unmissverständlich in der Fallakte. Unter Punkt drei „Zur Bewertung“ ist zu lesen: „Es kann zumindest eine ordentliche Formulierung der Anträge und eine, dem Grunde nach, substantiierte Würdigung erwartet werden. Im vergangenen Jahr lag der Durchschnitt der Gesamtbewertung bei ca. 9,5 Punkten, der Siegerschriftsatz erreichte eine Bewertung von ca. 13 Punkten.“

Doch die perfekte Schriftform reicht bei Weitem nicht aus. Prof. Dr. Christian Wolf, Vorstand des Instituts für Prozess- und Anwaltsrecht in Hannover, betont: „Neben den besseren juristischen Argumenten zählt nun auch Schlagfertigkeit, Standfestigkeit, Ironie, Geistesreichtum, Esprit und Witz.“

Nervosität macht sich im ehemaligen Vorstandssaal bei den Teilnehmern breit, rote Flecken zeigen sich am Hals der Kläger-Anwältin, der Fuß des Beklagten-Anwalts wippt auf und ab. Die Bucerius Law School auf Klägerseite beginnt mit ihrem Vortrag, die Universität Heidelberg auf Beklagtenseite erwidert. Vor jedem Jury-Mitglied liegt ein Bewertungsbogen als Gedächtnisstütze. Wir sollen Noten verteilen für den professionellen Auftritt der Studenten, für Stimme und Vortrag, den juristischen Gehalt der Argumentation, den Umgang mit den Tat­sachen sowie ihre Fähigkeit, auf Fragen zu antworten und die Reaktion auf den Vortrag der Gegenseite. 

Souverän und cool

Die Studentin der Bucerius Law School als Vertreterin des Klägers demonstriert mit ihren Ausführungen, wofür die Absolventen dieser privaten Hochschule entweder geschätzt oder kritisiert werden: Selbst­bewusstsein, Souveränität, Cool­ness. Mit fester Stimme legt sie ihre Punkte dar, weiß jede Frage des Richters zu kontern und übergibt schließlich an ihren ebenso gut vorbereiteten Kommilitonen. Sie sind – so viel steht fest – ein eingespieltes Team, ergänzen sich, wenn es Not tut, springen in die Bresche, wenn der andere nicht mehr weiter zu wissen droht.

Auf meinem Bogen sammeln sich gute Einzelnoten. Die Messlatte liegt jetzt hoch. Darauf zu parieren, wird nicht leicht für die Gegenseite. Und das bemerkt sie offenbar selbst, während sich die Konkurrenten gegenüber die Bälle zuspielen. Der Fuß wippt in immer höherer Frequenz, der Kugelschreiber wird zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her gedreht. Die Anwälte des Beklagten von der Uni Heidelberg haben das Wort.

Anders als ihre Vorredner können sie sich nicht eins zu eins an eine vorher überlegte Struktur halten. Schließlich müssen sie auf die Argumentation der Gegenseite reagieren. Das setzt sie zwar unter Stress, gleichwohl argumentieren auch sie nach anfänglicher Unsicherheit kaum weniger selbstbewusst als ihre Vorredner. Von ihrem Konzept lassen sie sich nicht abbringen. Auch nicht, als der Richter erst neutral, dann zunehmend erstaunt nachfragt: „Hab ich das richtig verstanden?“. Das Team Heidelberg bleibt standhaft. Selbst als der Richter die gleiche Frage ein weiteres Mal stellt und so eine Brücke baut, die Antwort vielleicht doch noch einmal zu überdenken.

„Abenteuerliche Argumentation“

Der Mit-Juror zu meiner Rechten ist ebenso skeptisch wie der Richter. „Die Argumentation ist etwas abenteuerlich“, raunt er mir zu, „viel zu theoretisch. In der Praxis würde niemand das vorschlagen“, so seine Kritik. Der dritte Juror lässt sich nicht in die Karten gucken. Mit Pokerface, aber auch einem wohlwollenden leichten Lächeln verfolgt er das Geschehen.

Nach einer guten halben Stunde sind alle Argumente ausgetauscht, die simulierte Verhandlung beendet. Die Jury darf sich nun zurückziehen. Unsere Beratung dauert nicht lange. Wir sind uns schnell einig und diskutieren lediglich ein paar Feinheiten. Insgesamt fanden wir die Argumente der Klägerseite stichhaltiger, die vorgeschlagene Lösung praktikabler, die Art des Vortrags professioneller. Unser Votum fällt einstimmig: Die Bucerius Law School steht im Finale und tritt gegen ein Team der Uni Hamburg an.

Das Finale findet vor großem Publikum statt. Alle Teilnehmer des Moot Courts sitzen im Zuschauerraum, dazu diverse Professoren. Hier – so ist später von den Juroren zu hören – war das Ergebnis denkbar knapp. Nach langer Beratung setzt sich das Team der Universität Hamburg durch. Auch nächstes Jahr wollen sie wieder dabei sein. Dann allerdings als Coach der jüngeren Kommilitonen. Das ist Ehrensache. —

In dieser Rubrik erläutern Autoren der JUVE-Redaktion aktuelle Themen aus dem Anwaltsmarkt. Eva Flick ist Co-Leiterin azur Karrieremagazin.