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20.05.2016

Ruhe ist nur am Südpol

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Weniger arbeiten, mehr Zeit mit Familie und Freunden ­verbringen: Die Berufsvorstellungen von Juristen haben sich verändert – und die Kanzleien machen mittlerweile vieles möglich, was früher undenkbar schien. Doch kann Work-Life-Balance im Transaktionsgeschäft funktionieren?

VON LAURA BARTELS

Junge Anwälte, die in einer Großkanzlei anheuern, brauchen keinen Gedanken mehr an ihre Freizeitgestaltung zu verschwenden. Denn für Familie und Hobbies fehlt ihnen künftig die Zeit. Stimmt das wirklich? Die richtige Antwort ist wohl ein klares Jein. Zweifelsohne hat sich in deutschen Kanzleien im Laufe der vergangenen Jahre einiges getan. Durch die Wünsche der ­Generation Y ist der Ruf nach einem Ausgleich von Berufs- und Privatleben lauter geworden.

Die Kanzleien gehen mittlerweile darauf ein, um Top-Leute an sich zu binden. Teilweise gelingt ihnen das gut, teilweise eher nicht. Denn in manchen Beratungsgebieten lässt es sich nicht leugnen, dass geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden nicht zum Arbeitsrhythmus passen. Ein Paradebeispiel ist das Geschäft mit Unternehmensfusionen und -übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A). Die M&A-Teams haben ein volatiles Geschäft, das stark von der aktuellen Konjunktur abhängt.

Die Wirtschaft brummt

Gerade jetzt, in Zeiten, in denen die Wirtschaft brummt und Transaktionen Hochkonjunktur ­haben, ist ein pünktlicher Feier­abend häufig bloßes Wunschdenken. Im Schnitt arbeiten M&A-Associates rund 56,5 Stunden pro Woche. Mehr Zeit im Büro verbringen nur die auf Private Equity spezialisierten Anwälte und die Kartellrechtler. Im M&A liegt die Stundenzahl gut zwei Stunden über dem allgemeinen Marktdurchschnitt. Bei Jones Day, einer US-Kanzlei, arbeiten die jungen Anwälten zurzeit zwischen 60 und 70 Stunden. „Das ist, auch mit Blick auf die momentane Marktlage, nicht weiter ungewöhnlich”, stellt Ansgar Rempp, Managing-Partner der Kanzlei, fest. Für ihn und viele andere Partner in Transaktionspraxen ist das Teil des Deals, wenn man oben mitspielen will. „Es kommt ganz darauf an, was ein Associate in seiner Karriere erreichen will”, meint Rempp.

Bewerber kämen häufig mit der Vorstellung in eine internationale Wirtschaftskanzlei, sie könnten eine Top-Karriere machen und die Familie trotzdem an erste Stelle setzen. Das hält Rempp für Utopie. „Wenn man zu den Top-Leuten im M&A-Geschäft gehören will, muss man sein Privatleben diesem Ziel irgendwann unterordnen”, sagt er ganz deutlich. Wer zu solchen Kompromissen nicht bereit ist, wird in den Top-M&A-Einheiten weder glücklich noch Partner.

Macher sind gefragt

Dennoch schließen sich Karriere und Familie respektive eine gute Work-Life-Balance in einer Kanzlei wie Jones Day nicht gleich aus. Aus Sicht von Rempp sollten aufstrebende Nachwuchs­juristen Auszeiten aber lieber während der Asso­ciate-Zeit einplanen. Denn an Partner werden noch einmal ganz andere Anforderungen gestellt als an die jüngeren Anwälte. „Es spricht überhaupt nichts dagegen, an einem bestimmten, gut gewählten Punkt in der Karriere eine Auszeit zu nehmen – sei es, um die Welt zu umsegeln, eine Familie zu gründen oder sich im Ausland fortzubilden”, sagt Rempp. Aber wenn die Zeit reif ist für den entscheidenden Schritt, muss derjenige bereit sein. Denn bei Jones Day sind Macher gefragt, die eigenes Geschäft an Land ziehen.

Und das erfordert Zeit, Engagement und Durchhaltevermögen. Unter diesen Machern sind viele Frauen. Rund ein Viertel der Partner sind weiblich. Das ist, verglichen mit anderen internationalen Großkanzleien, ein ordentlicher Schnitt. Allerdings zählen die auch nicht zur ­Generation Y, haben ihre Karriere in einem Markt­umfeld vorangetrieben, in dem Freizeit und Familie weniger im Fokus standen. Bei den Associates fällt der Frauenanteil deutlich magerer aus.

Teilzeit kommt für sie nicht in Betracht: Anne Grewlich ist Partnerin bei Ashurst.

Teilzeit kommt für sie nicht in Betracht: Anne Grewlich ist Partnerin bei Ashurst.

Anne Grewlich hat für ihre Karriere einen anderen Weg gewählt. 2013 bekam die Ashurst-Anwältin ihr erstes Kind, im Mai wurde sie erneut Mutter. Partnerin war sie schon damals. Drei Monate wird sie dieses Mal eine Auszeit nehmen. Nach der ersten Schwangerschaft war es ein halbes Jahr. Anders als Rempp ist sie nicht der Auffassung, dass man für die Familienplanung einen bestimmten Karrierepunkt anvisieren sollte. Allerdings „hilft eine gewisse Erfahrung als Anwältin beim Wiedereinstieg in den Beruf”, sagt sie. Wenn die 39-Jährige im Spätsommer wieder in die Kanzlei zurückkehrt, macht sie das mit voller Stundenzahl.

„Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr sind im Transaktionsgeschäft für mich nur schwer realisierbar”, sagt sie. Trotz Homeoffice-Option verbringt sie den Großteil der Arbeitszeit im ­Büro. Und für diese Zeit braucht sie eine Kinderbetreuung, denn ihr Mann hat als Investmentbanker einen ähnlich stressigen Arbeitstag wie sie. „Wir haben Unterstützung durch die Familie, aber auch durch eine Kinderfrau und Babysitter. Anders wäre das schwierig zu bewältigen.” Denn in der Bank- und Finanzrechtspraxis von Ashurst, der Grewlich angehört, macht das Projektgeschäft 95 Prozent der Arbeit aus. Die Arbeitszeiten sind also schlecht planbar, weil sie im Vorfeld nicht abschätzen kann, wie sich ein Deal entwickelt:

Völliges Abtauchen? Kaum vorstellbar

Ihre Auszeit bis zum Spätsommer ist eigentlich keine richtige. Völliges Abtauchen für mehrere Wochen oder Monate käme für sie nicht infrage. Für Grewlich ist klar, dass sie den Kontakt zu ihren Stammmandanten auch während ihrer Ab­wesenheit halten wird. So hat sie es auch beim ersten Kind gemacht. Und das zahlte sich aus. Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg in den Anwaltsalltag hatte sie damals nicht.

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