© JUVE GmbH Köln
20.05.2016

Kommentar: Gehen, wenn der Schreibtisch leer ist

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Die Generation Y kennt ihren Wert. Sie will nicht mehr tagein, tagaus am Schreibtisch hocken und sich zwischen Karriere und Freizeit entscheiden müssen. Aber ist das überhaupt machbar? Fakt ist, Kanzleien haben gezeigt, dass sie auf die Bedürfnisse der neuen Associate-Generation eingehen können. Heim- und Teilzeitarbeit, Kinderbetreuung und zusätzliche Urlaubstage gehören vielerorts mittlerweile zum Standardangebot.

Und doch reicht das nicht. Denn jedes noch so durchdachte Programm stößt an Grenzen, wenn das große Mandat lockt und sämtliche Kapazitäten mobilisiert werden müssen. Das gilt zwar für alle Bereiche der Wirtschaftsrechtsberatung, weil die Arbeitsleistung des Anwalts schließlich eine Dienstleistung ist. In manchen Praxisgruppen ist es aber besonders schwer, dem Wunsch der Nachwuchsanwälte nach Freizeitausgleich oder Zeit für die Familie entsprechenden Platz einzuräumen. Das liegt weniger an der Unlust der Partner, Verständnis für Bedürfnisse aufzubringen, sondern vielmehr an der Art des Geschäfts selber.

Doch was passiert, wenn die neue Generation nicht mitspielt? ­Eine Lösung gibt es nur, wenn beide Seiten Kompromisse eingehen. Eine Kombination aus High-End-Mandate bei Top-Bezahlung und regelmäßig pünktlichen Feierabenden werden junge Juristen in der Transaktionswelt kaum finden. Irgendwas fehlt immer. Boutiquen verhandeln nur selten Milliardendeals, Mittelständler zahlen keine Top-Gehälter und in der Großkanzlei steht der Feierabend oft in den Sternen.

Bewerber sollten möglichst früh herausfinden, welche Karriereziele sie verfolgen und inwieweit sie bereit sind, ihr Privatleben diesen Zielen unterzuordnen. Und die Kanzleien sollten darauf bedacht sein, Zusagen, die sie ihren jungen Anwälten machen, möglichst einzuhalten. Zumindest in Zeiten, in denen es ihr Geschäft zulässt. Gehälter sind keine Anwesenheitsprämien. Wer den Schreibtisch leer hat, sollte auch in einer internationalen Transaktionseinheit mal am Nachmittag das Haus verlassen dürfen – ohne schiefe Blicke zu ernten. (Laura Bartels)

Laura Bartels schreibt für die azur-Redaktion. Lesen Sie auch ihren Beitrag „Ruhe ist nur am Südpol“, Seite 38.