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20.05.2016

Eine Frage der Überzeugung

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Richterin, Referentin, Rechtsanwältin: Nicht immer führt nur der direkte Weg zum Ziel. Nach einigen Zwischenstopps auf ihrem Weg gehört Barbara Reinhard heute zu den Top-Arbeitsrechtlerinnen in Deutschland.

VON LAURA BARTELS

Dr. Barbara Reinhard hatte schon als Mädchen großen Spaß daran, mit ihrer jüngeren Schwester Anwältin zu spielen. Ausrangierte Aktendeckel und ein altes Diktiergerät ihres Vaters sorgten im Kinderzimmer für die nötige Büro-Atmosphäre. 1998, mit 26 Jahren, wurde aus Spaß schließlich Ernst. Allerdings führte sie ihr erster Job nach dem Studium in Münster und Cambridge nicht in eine Kanzlei, sondern ans Arbeitsgericht. Mit zwei Prädikatsexamina kein Problem. „Eine tolle und sehr lehrreiche Zeit“, sagt sie rückblickend über die Arbeit an den Gerichten im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm. Lehrreich vor allem, weil sie nicht nur viele Sachverhalte, sondern auch viele unterschiedliche Menschen und ihre regionalen Mentalitäten kennengelernt hat.

Barbara Reinhard von Kliemt & Vollstädt.

Barbara Reinhard von Kliemt & Vollstädt.

Während in Gelsenkirchen gerne ein klares Wort im Verhandlungssaal gesprochen wurde, war ihre Hauptaufgabe in Bielefeld, die sprichwörtlich sturen Ostwestfalen überhaupt mal zum Reden zu bewegen. Doch nach einer gewissen Zeit musste eine neue Herausforderung her. Die fand Reinhard 2007 als Referentin im Bundesarbeitsministerium. Hier war sie ganz nah dran an der Entscheidungsabstimmung, begleitete spannende Gesetzgebungsverfahren wie den Mindestlohn und das Arbeitnehmerentsendegesetz und gönnte sich den Luxus, über einem juristischen Problem auch mal zwei Wochen zu brüten. Ein starker Kontrast zu ihrer vorherigen Tätigkeit. „Während meiner Zeit als Arbeitsrichterin ging es eher darum, schnelle Entscheidungen zu fällen“, erklärt sie.

2009, nach der Zeit im Ministerium, entschloss sich Reinhardt mit Ende 30 zu einem beruflichen Neustart: raus aus dem öffentlichen Dienst, rein in die Kanzleiwelt. Vier Jahre arbeitete sie bei Beiten Burkhardt, bevor sie ins Frankfurter Büro von Kliemt & Vollstädt wechselte. Das Spannende am Anwaltsberuf sei, dass man früh in die Probleme des Mandanten involviert sei. „Kommt ein Fall vor Gericht, sind die Parteien häufig schon Monate oder gar Jahre mit dem Sachverhalt befasst. Als Anwältin bin ich näher dran. Das macht für mich den Reiz aus“, sagt sie.

In die Wiege gelegt

Dass sie in eine Arbeitgeberkanzlei wechseln würde, stand für Reinhard von vornherein fest. Bei der mittelständischen Kanzlei Beiten, die ihre Mandanten in allen wirtschaftlich relevanten Rechtsgebieten berät, wäre die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen schon allein aus Kollisionsgründen schwierig. Mit Kliemt hat sie sich später für eine sehr angesehene arbeitsrechtliche Boutique entschieden. „Unser Arbeitsrecht ist zu Recht als Arbeitnehmerschutzrecht konzipiert. Meiner Ansicht ist es in Deutschland aber klar überreguliert“, sagt Reinhard. Sowohl politisch als auch durch ihr Elternhaus ist sie dem Arbeitgeberlager zugeneigt. Sie kommt aus einer Juristenfamilie, beide Eltern haben Jura studiert, ihr Vater war ebenfalls Arbeitsrechtler. Auch eine ihrer beiden Schwestern ist heute Richterin – allerdings nicht diejenige, mit der sie damals schon Kanzlei spielte.

Den Schritt ins Anwaltsleben hat Reinhard nie bereut. Der Umweg über das Richteramt lag im Klima begründet, das vor rund 15 Jahren noch in Kanzleien herrschte. „Das war schon eine andere Welt damals. Frauen mussten mehr kämpfen, um akzeptiert zu werden“, erinnert sie sich. Wie in ihre Referendarzeit in einer westfälischen Kanzlei, wo es selbstverständlich war, dass sie für die Partnerrunde Kaffee organisierte – nicht ihr männlicher Kollege. Diese Zeiten sind vorbei. Doch zu Beginn ihrer Karriere haben Reinhard Amt und Robe geholfen, sich mit ihren gerade einmal 26 Jahren zu behaupten.

Bestimmt, aber sachlich

Das ist jetzt ein Weilchen her. Schnell erarbeitete sie sich in der Anwaltsszene einen guten Ruf. Betriebsverfassungsrecht gehört zu ihren Spezialgebieten, bei Kliemt leitet sie die Praxisgruppe Tarif- und Arbeitskampfrecht. Wettbewerber loben ihren „souveränen und lösungsorientierten Verhandlungsstil“, ein Mandant bezeichnet sie gar als „Glücksfall“. Worte, die Reinhard sicher gern hört, die sie aber nicht verwundern. Denn der gepflegte Umgangston ist etwas, das sie an ihrem Rechtsgebiet sehr schätzt. „Im Großen und Ganzen herrscht unter Arbeitsrechtlern ein gutes Klima, egal welchem Lager sie angehören“, sagt sie.

Das mache sich auch am Verhandlungstisch bemerkbar, wo der Umgangston bestimmt, aber sachlich sei. Dass es auch mal laut wird, gehört für sie dazu. Grundsätzlich versucht sie sich aber schon im Vorfeld bestmöglich auf die Gegenseite einzustellen. Dazu zählen auch scheinbar ganz banale Dinge: „Bei der Kleiderwahl gehört schon ein bisschen Fingerspitzengefühl dazu“, erläutert sie. „Bei Vorstandsterminen darf es formeller sein. Bei Verhandlungen über Massenentlassungen ist ein Auftritt im Designerkostüm nicht unbedingt angebracht.“ —