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20.05.2016

Die Deal-Dirigentin

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Ein Beitrag aus azur 1/2016.

Schwerpunkt M&A – Für Prozessanwälte wären Verhandlungen über tausend Seiten Vertragsklauseln wohl eher Horror. M&A-Anwältin Natalie Daghles von Latham & Watkins dagegen läuft zur Höchstform auf, wenn Deals möglichst groß und kompliziert sind.

VON MARC CHMIELEWSKI

Wirtschaftsrecht findet selten vor Gericht statt. Die meisten Wirtschaftsanwälte sehen nie einen Gerichtssaal von innen. Sie machen Verträge, die im Idealfall so klar sind, dass niemand sich vor Gericht darüber streiten muss. Feurige Plädoyers? Fehlanzeige. Prozessanwälte belächeln das oft. Sie haben die Bühne, sie haben den Showdown und, wenn es gut geht, auch den Triumph. Vertragsverhandlungen finden sie langweilig.

Natalie Daghles dagegen kann sich als Anwältin wenig Schöneres vorstellen als einen Unternehmenskauf – je internationaler, je komplizierter, je teurer, desto besser. Die 35-Jährige arbeitet seit 2013 bei Latham & Watkins, einer der größten global tätigen Transaktionskanzleien.

Ziel: Internationales Arbeiten

„Dass ich Anwältin werde, wusste ich schon früh, obwohl es in meiner Familie bisher keine Anwälte gab“, sagt Daghles. Auch dass sie international arbeiten wollte, war früh klar: Schon während der Schulzeit verbrachte sie ein Jahr in Kalifornien. Als sie in Münster Jura studierte, bildete das US-Recht einen Schwerpunkt. Daghles arbeitete als Referendarin im deutschen Generalkonsulat in San Francisco. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über den UN-Sicherheitsrat – was liegt näher als ­Völkerrecht, wenn man juristisch und international arbeiten will?

Natalie Daghles von Latham & Watkins.

Natalie Daghles von Latham & Watkins.

Doch eine Komponente fehlte ihr, und die lernte Daghles kennen, als sie 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Shearman & Sterling anfing. „Mich interessieren die wirtschaftlichen Aspekte von Unternehmenskäufen.“ Denn sie ­geben der Arbeit von M&A-Anwälten die Würze: Tausend Seiten Klauseln verhandeln klingt langweilig. Macht man sich aber bewusst, dass daran Wohl und Wehe ganzer Konzerne hängt, also das Schicksal tausender Mitarbeiter – sieht die Sache anders aus. „Es ist interessant, in der Zeitung über wichtige wirtschaftliche Ereignisse zu lesen, die man selbst mitgestaltet hat“, sagt Daghles.

Klar, die Klischees stimmen zum Teil: M&A-Anwälte kriegen nicht viel Schlaf in der heißen Phase vor Abschluss eines Deals. „In der Spitze müssen da schon mal 300 Mails am Tag abgearbeitet werden.“ Für Daghles bedeutet das, dass sie in diesen Phasen ihre Familie kaum sieht. Sie hat einen vierjährigen Sohn und eine achtmonatige Tochter. Zum Glück wohnen deren Großeltern in der Nähe und können zur Not einspringen. Daghles‘ Mann ist ebenfalls Transaktionsanwalt, bei einer konkurrierenden Großkanzlei. Papa und Mama M&A-Anwalt – das erleichtert zwar nicht unbedingt die Organisation des Familien­lebens. Andererseits bringt es Vorteile: „Wir ­haben viel gegenseitiges Verständnis für die Besonderheiten unseres Berufs.“

Den Überblick behalten

Zehn Jahre sind vergangen seit dem ersten großen Deal, an dem Daghles, damals noch als kleines Rädchen in der Maschinerie, mitgearbeitet hat. Inzwischen hat sie eine Karrierestufe erreicht, in der längst nicht mehr nur juristisches Können gefragt ist. Sie orchestriert Transaktionen, verteilt Aufgaben, behält den Überblick. Das geht nur, wenn man extrem gut organisiert ist. „Man muss unterscheiden können, was dringend und was wirklich dringend ist.“

Und es braucht kulturelles Verständnis. „Die Deutschen sind sehr direkt“, sagt Daghles. „Sie sehen sich einen Vertrag an und sagen: Das geht, das geht nicht.“ Auf internationalem Parkett wirke das bisweilen unhöflich. Der Brite sagt: „This is interesting.“ Zu Deutsch: Vergesst es! Der Amerikaner sagt: „I understand where you’re ­coming from, but …“ Zu Deutsch: Vergesst es!

Haben die Prozessanwälte am Ende also doch recht, wenn sie sagen, sie hätten es besser als die Vertragsverhandler? „Auf keinen Fall“, findet Daghles. „Prozessrecht ist konfrontativ, man streitet sich unter hohem Einsatz.“ Bei M&A-Deals sei es ganz anders. „Man arbeitet grundsätzlich gemeinsam auf ein Ziel hin, statt sich zu bekämpfen. Am Ende, wenn es zu einem Abschluss kommt, freuen sich alle Beteiligten.“ Das sei doch ein viel besseres Grundgefühl. Daghles plädiert so überzeugend, dass man sich am Ende doch fragt, ob an ihr nicht auch eine gute Prozessanwältin verloren gegangen ist.