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21.05.2014

Die Welt rettet man nicht an einem Tag

Wenn nicht jetzt wann dann

Menschen helfen, Jurawissen anwenden: Beides trieb Maximilian Oehl schon länger um. 2013 gründete er die Refugee Law Clinic Cologne.

Lässiges Auftreten, ein Vollbart wie Rasputin, der Wunderheiler der Zarenfamilie, und die langen dunkelblonden Haare nach hinten zum Zopf gebunden – so einer studiert doch eigentlich nicht Jura und schon gar nicht mit Schwerpunkt Handels- und ­Gesellschaftsrecht. So einer wie Maximilian Oehl studiert allenfalls Völker- und Europarecht. Seit Februar vergangenen Jahres widmet der 25-Jährige seine ganze Kraft der Refugee Law Clinic Cologne (RLCC). Die studentische Organisation hilft Ausländern und Asylsuchenden, im Dickicht deutscher ­Gesetze und behördlicher Anordnungen zu ­ihrem Recht und ein wenig menschlicher Anerkennung zu kommen. Maximilian Oehl ist ihr Initiator.

Maximilian Oehl

Maximilian Oehl

„Als Schüler war ich eher auf Themen wie ein stringenter Lebenslauf und Karriere gepolt“, erzählt er. Eine andere Perspektive habe er 2007 während einer Tätigkeit für ein humanitäres Projekt in Ghana bekommen. Nach vier Monaten in Afrika sei er nicht mehr nur auf sein eigenes Fortkommen fixiert gewesen. Dennoch entschied Oehl sich für das Jura-Studium.

Mit zunehmendem Studienverlauf fragte sich der Kölner Student allerdings, wozu das Ganze? Im Sommer 2011 stellte er sich dann die Frage: Welche Fähigkeiten habe ich als Jurist, und wie kann ich sie am besten anwenden? Seine Antwort fiel eindeutig aus: Er will denen helfen, die fern ihrer ­Heimat in einem fremden Land mit fremden Gesetzen ihre Rechte praktisch kaum durchsetzen können. Die anfängliche Skepsis vor ­allem von Professoren, die ihm rieten, doch jetzt erst ­einmal an sein Examen zu denken, wischte er beiseite. Er sagte sich: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“.

Maximilian Oehl ist ein Vertreter jener jungen ­Generation, die gerne mit dem Zusatz „Y“ und dem Attribut Work-Life-Balance versehen wird. Oehl geht es aber nicht so sehr um Freizeit – die hat er seit Gründung der RLCC kaum, und seit einigen Wochen bereitet er sich auf das erste Staatsexamen vor. Für ihn ist es vielmehr ­wichtig, das, was er tut, mit Sinnvollem zu verbinden.

Das Ausländerheim, in dem die Kölner Studenten der RLCC einmal wöchentlich Sprechstunden halten, liegt an der Kyffhäuser Straße. Hier, ins quirlige Kölner Studentenviertel Kwartier Latäng, verschlägt es vor allem Party­gänger und Nachschwärmer. Dass hier Menschen fern der ­Heimat auf Aufenthaltsgenehmigung oder Abschiebung warten, entgeht den meisten. Oehl und seine Mitstreiter helfen bei Amtsgängen und alltäglichen Problemen, wie einen Handyvertrag abzuschließen. Sie erleben aber auch Fälle von auslaufenden Aufenthaltsgenehmigungen und Abschiebungen.

In solchen elementaren Rechtsfragen ­betreuen die jungen Juristen zwar ihre Mandanten, das Mandat führt aber ein erfahrener Anwalt. „Wir bereiten den Sachverhalt auf und sichten die Dokumente“, erklärt Maximilian Oehl. Die eigentliche Vertretung gegenüber der Ausländerbehörde oder vor ­Gericht übernimmt der ­Anwalt. Behördengänge nehmen die Studenten – in ­Absprache mit dem Anwalt – auch eigenständig wahr.

„Es ist aber schon erschreckend, wie weit die im ­Studium vermittelte Theorie und die richterliche und ­behördliche Praxis gelegentlich auseinanderliegen“, ­erklärt Oehl seinen Eindruck nach einem Jahr RLCC. Demgegenüber stehen die Erlebnisse mit zum Teil extremen Schicksalen der Mandanten, das Gefühl ein wenig zu ­helfen und der Zuspruch, den das Projekt nach den ersten zwölf Monaten des Bestehens erfährt. Vor einem Jahr fand Oehl schnell 13 Mitstreiter, mit denen er die RLCC grün­dete. Inzwischen engagieren sich 160 Freiwillige. Sie ­bearbeiteten in nur zwölf Monaten rund 50 Mandate. „In jedem Juristen steckt der Funke, Gutes zu tun“, findet Maximilian Oehl. (Mathieu Klos)

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