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28.02.2012

Neueinstellungen: Der Boom hält 2012 an

Kanzleien, Unternehmen und Behörden planen 2012 mehr Jungjuristen einzustellen als im Vorjahr. Den größten Anteil am Boom haben nach wie vor die Kanzleien, die bereits im letzten Jahr deutlich mehr Juristen einstellen wollten als noch 2010.

Rund 170 von azur befragte Wirtschaftssozietäten planen 2012 insgesamt bis zu 2.060 Berufsanfänger neu einzustellen. Das sind gut 200 freie Stellen mehr als im Vorjahr. Zudem haben rund 40 von azur befragte Unternehmen und Behörden insgesamt 370 neue Jobs zu vergeben.

Die Zeiten, in denen Großkanzleien aufgrund der Finanzkrise Einstellungsstopps verhängt, Gehälter eingefroren oder ihre Associates in Secondments bei Mandanten geparkt haben, sind offensichtlich vorbei. CMS Hasche Sigle plant 2012 mehr Neueinstellungen als alle anderen Wirtschaftskanzleien: Sie bietet insgesamt 130 jungen Juristen die Chance, sich als Anwältin oder Anwalt im Berufsleben zu beweisen. Freshfields Bruckhaus Deringer plant immerhin, 100 Berufsanfänger aufzunehmen und auch Hogan Lovells wartet mit 90 freien Stellen auf.

PwC plant mit 150 Neueinstellungen

Beide Kanzleien haben aber, im Gegensatz zu CMS, ihre Planzahlen im Vergleich zum Vorjahr nicht erhöht. Auch Clifford Chance und Noerr planen mit jeweils 70 Neuen auf einem konstanten Niveau. Andere Großkanzleien, darunter Linklaters, Taylor Wessing, Latham & Watkins und Cleary Gottlieb Steen & Hamilton reduzierten ihre Planungszahlen sogar im Vergleich zum Vorjahr und beabsichtigen teilweise bis zu 20 Stellen weniger zu besetzen.

Damit ist CMS die Vorreiterin unter den Kanzleien. Dennoch kann sie den ersten Platz nicht für sich beanspruchen: Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers sucht nach eigenen Angaben bis zu 150 Juristen und katapultiert sich damit an die Spitze des azur-Rankings.

Tabelle 1: Spitzenreiter in absoluten Zahlen

Spitzenreiter in absoluten Zahlen
Stand Dezember 2011. azur hat hierzu 300 Arbeitgeber befragt.
*Maximal geplante Neueinstellungen

PwC bildet allerdings bei Betrachtung der absoluten Einstellungszahlen mit ihrem ersten Platz eine Ausnahme: Unter allen Arbeitgebern, die in diesem Jahr zehn oder mehr Juristen einstellen wollen, befinden sich über 60 Kanzleien – aber lediglich zwei Unternehmen und nur eine einzige eine Behörde. Mit rund 30 geplanten Neueinstellungen rangieren Siemens und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht dabei im Mittelfeld. Die Deutsche Bahn bietet immerhin noch Einstiegsmöglichkeiten für bis zu 15 junge Juristen.

Ein genauerer Blick auf das Einstellungsverhalten der Arbeitgeber im Verhältnis zur Anzahl der bereits beschäftigten Juristen zeigt, dass vor allem die kleinen und mittelgroßen Kanzleien besonders expansiv sind. Unter den 50 fleißigsten Einstellern befinden sich 2012 nur zehn Großkanzleien, also Sozietäten mit über 100 Anwälten in Deutschland. Auch die an den absoluten Zahlen gemessenen Spitzenreiter, CMS und PwC, finden sich in diesem Ranking eher im unteren Drittel wieder.

Tabelle 2: azur-Top-Einsteller

azur-Top-Einsteller
Stand Dezember 2011. *Die azur-Redaktion hat die Anzahl der geplanten Neueinstellungen im Verhältnis zu den beschäftigten Juristen berechnet. In Kanzleien ist dies die Gesamtzahl der Anwälte an den deutschen Standorten, in Unternehmen die Zahl der deutschen Juristen in der Rechtsabteilung. Bei Beratungsgesellschaften, Behörden und Verbänden haben wir in der Regel die Gesamtzahl der deutschen Juristen zugrunde gelegt. Aufgeführt werden nur Arbeitgeber mit mindesten zehn Juristen. Mehr zur Methodik.

Kleine und mittelgroße Kanzleien auf Wachstumskurs

Die meisten deutschen Unternehmen wachsen, zumindest gemessen an der Größe ihrer Rechtsabteilungen, ebenfalls eher moderat. Mit Google Germany, Peek & Cloppenburg sowie R+V Versicherungen schafften es gerade einmal drei Unternehmen unter die Top-50 dieser Liste. Hinzu kommt neben PwC die Unternehmensberatung McKinsey. Mit Ausnahme von Google – das Unternehmen belegt einen stattlichen dritten Platz – rangieren sie allerdings genau wie die großen Kanzleien auf den hinteren Rängen. Die vorderen Plätze hingegen belegen vor allem Kanzleien kleiner und mittlerer Größe: Unter die ersten zehn der azur-Top-Einsteller haben es zum Beispiel die spezialisierte Steuerrechtskanzlei Küffner Maunz Langer Zugmaier, die Düsseldorfer Sozietät Arqis oder die öffentlich-rechtliche Boutique Dolde Mayen & Partner geschafft. Verglichen mit den Großsozietäten ist die Zahl der freien Stellen bei jeder dieser Kanzleien naturgemäß allerdings sehr gering.

Wunsch und Wirklichkeit

Allerdings werden Kanzleien aller Größenordnungen auch 2012 wieder hart kämpfen müssen, um ihre ehrgeizigen Pläne in konkrete Rekrutierungserfolge umzusetzen. Ein Vergleich der geplanten und tatsächlichen Neueinstellungen für 2011 zeigt, dass nur wenige von ihnen das eigene Planungsziel erreichten oder sogar übererfüllten (» Erfolgreich rekrutiert).

Die aktuelle Siegerin der azur-Liste 2012, CMS Hasche Sigle, hat ihr Planungsziel sogar verfehlt: Sie konnte 2011 nur 84 Prozent ihrer ursprünglich geplanten Einstellungen realisieren. Daher wird es besonders spannend sein, ob CMS ihre hochgesteckten Wachstumsziele 2012 erfüllen kann. Ähnlich weit unter ihrem selbst gesteckten Ziel blieb Freshfields Bruckhaus Deringer, die ebenfalls nur 85 Prozent ihrer Planzahl erreichte. Clifford Chance und Linklaters weisen noch geringere Quoten aus.

Doch es gibt auch positive Beispiele: Baker & McKenzie und Hengeler Mueller etwa erfüllten ihr Einstellungsversprechen. Und einige Kanzleien stellten sogar mehr Associates ein als ursprünglich geplant: Dazu zählen sowohl internationalen Sozietäten wie Norton Rose, Bird & Bird und Allen & Overy als auch deutsche Großkanzleien. Sie alle übertrumpft die angesehene Steuerrechtskanzlei Flick Gocke Schaumburg, die ihre Planzahl sogar um elf Juristen übertraf.

Prädikatsexamen kontra Planerfüllung

Weit hinter ihren Einstellungszielen zurück blieben wiederum Kanzleien wie P+P Pöllath + Partners oder Raupach & Wollert-Elmendorff. Das Schlusslicht bildet Buse Heberer Fromm, die lediglich 56 Prozent ihrer geplanten Einstellungen realisieren konnte.

Tabelle 3: Erfolgreich rekrutiert

Erfolgreich rekrutiert
Stand Dezember 2011. *Zur Berechnung hat azur die tatsächlichen Stellen durch die geplanten Neueinstellungen 2011 geteilt. Der Quotient ist hier auf zwei Nachkommastellen gerundet, für die Platzierung werden alle Nachkommastellen berücksichtigt. Aufgeführt werden nur Arbeitgeber mit mindesten zehn Juristen.

Das Nichterfüllen der eigenen Planungsziele wird man allerdings nicht in jedem Fall als Misserfolg deuten können. Die meisten großen Kanzleien halten noch immer am doppelten Prädikatsexamen als wichtigem Einstellungskriterium fest. Einige von ihnen weichen hiervon nicht ab und nehmen in Kauf, mit weniger Anwälten als geplant zu arbeiten. Andere setzen das Doppelprädikat nicht zwangsläufig voraus, lassen bei Bewerbern auch andere Fähigkeiten zählen und sind damit eher in der Lage, die geplante Anzahl von Absolventen einzustellen. Wieder andere sind bereits sehr zufrieden, wenn von 70 neuen Associates 40 echte Spitzennoten mitbringen.

Der Kampf um die Top-Absolventen verschärft sich zudem, weil auch immer mehr Unternehmen, Gerichte, Staatsanwaltschaften und Behörden Berufsanfänger aus diesem Pool abschöpfen. Und da Jura-Absolventen mit sehr guten Noten im Gepäck heiß umworben werden, haben sie die Qual der Wahl. Am Ende fällt die Entscheidung nicht zwangsläufig zugunsten der Wirtschaftskanzleien, auch wenn diese teilweise mit absoluten Spitzengehältern werben. Denn gleichzeitig werden die Kandidaten immer anspruchsvoller.

Bewerber der sogenannten Generation Y achten wesentlich stärker als noch in den vergangenen Jahren auf die Work-Life-Balance. Die nach 1980 geborenen “Millennials” fordern ein Privatleben neben ihrer Karriere ein, das frühere Einsteigergenerationen selbstredend mit der Unterschrift unter ihren ersten Arbeitsvertrag für einige Jahre ad acta gelegt haben. Immer häufiger entscheidet sich der Kampf um die Bewerbergunst heutzutage um ein einleuchtendes Konzept zur Work-Life-Balance und nicht mehr allein über die Höhe des Einstiegsgehalts. (Silke Brünger)

Frisch erschienen ist die neue Ausgabe von azur100 – Top-Arbeitgeber, mit umfangreichen Rankings und Analysen zu Gehältern, Ausbildung und Einstellungszahlen. Mehr …